Was heißt hier Seele
?
von
Dr. Leo Prothmann
Diesen Text habe ich bei Konstantin
Wecker " Hinter den Schlagzeilen" entdeckt. Hier zum
Lesen als Angebot.
Ein Bericht der wie ich finde
helfen kann, um sein ICH
zu studieren, mit Selbsterkenntnissen zu seinem viel-
leicht wirklichen ICH zu finden.
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Wir wissen wenig von unserer Seele - sie aber weiß alles
von uns. (Von Leo Prothmann. Ein Beitrag des Webmagazins auf
"Hinter den Schlagzeilen. Erstveröffentlichung in der
Zeitschrift "Wege")
Der Ort
Vor 400 Jahren platzierte Descartes,
der Begründer des modernen Rationalismus, die Seele in die
Zirbeldrüse. Heute ereilt uns aus Amerika die Nachricht,
dass Hirnforscher im menschlichen Gehirn eine Stelle lokalisiert
haben, in der die Seele, also der religiöse Glaube sitzt.
Diese Forscher nennen sich pikanterweise Neuro-Theologen,
sie suchen den ultimativen Gottesbeweis. Der Salzburger Autor
und Vordenker Karl-Markus Gauss bemerkte dazu: Dass der
Glaube (sprich Seele) nun eine feste Wohnanschrift hat - nämlich
linke Hirnhälfte (ich meine: wenn schon, dann die rechte!),
24 Millimeter unterhalb der Mietwohnung für Hochstapelei,
16 oberhalb der Abstellkammer, in der der Altruismus logiert
- ist eine Nachricht, die Heiden wie Gläubige beunruhigen
muss. Wer ungläubig ist, hat zu fürchten, schon bald
für partiell hirntot gehalten zu werden; dem Gläubigen
hingegen droht, dass ihm der Glaube als Gehirnfunktion erklärt
und er ihn darüber womöglich verlieren wird. Denn sobald
Gott messbar ist, lohnt sich natürlich keine Religion mehr.
Nun, ob die Seele in der Zirbeldrüse
oder in einer Hirnfalte sitzt, ist für unser Thema unerheblich.
Ich gehe hier von einem psychologischen Verstehen der Seele aus.
Und da kommen wir bereits in ein neues Dilemma.
Das Wort
Denn Seele ist kein
wissenschaftlicher Begriff. Darum findet sich dieses Wort auch
selten in der akademischen psychologischen Literatur. Und wenn,
dann nur unter Anführungszeichen, wie um zu verhüten,
dass es seine wissenschaftlich sterile Umgebung infiziere. In
der wissenschaftlichen Diskussion ist dieser Begriff nicht salonfähig.
Das Wort Seele wurde von Philosophen,
Theologen und Psychologen so oft gebraucht und missbraucht, dass
es abgegriffen und flach wirkt. Darum müssen wir genau hinhorchen
auf dieses Wort - und dabei zeigt sich, dass wir es hier mit
etwas zu tun haben, das nicht definiert werden kann. Seele ist
weniger ein Begriff als ein Symbol Und von einem Symbol gilt,
solange es lebendig ist, dass es mit Worten nicht adäquat
beschrieben werden kann.
C.G. Jung versuchte Zeit seines
Lebens den Menschen bewusst zu machen, was es bedeutet, eine
Seele zu haben. Er sagte: Eine Seele zu haben, ist das
Wagnis des Lebens, denn die Seele ist ein Leben spendender Dämon.
Der Dämon
Für die alten Griechen hatte
jeder Mensch seinen Dämon oder Daimon. Mit Daimon ist eine
Art Zwischenwesen gemeint, ein Vermittler zwischen Göttern
und Menschen. Der Daimon hatte Einfluss - im Guten wie im Bösen.
Das Christentum polarisierte dagegen auch hier: Die Engel sind
für den Bereich des Guten zuständig, während den
Dämonen ausschließlich der böse Einfluss zugeschrieben
wird.
Bleiben wir aber bei der altgriechischen
Bedeutung, die offensichtlich auch Goethe so verstand: Schwer
beeindruckt von Mozarts Don Giovanni schrieb er an
seinen Freund Eckermann, nicht Mozart habe diese Oper komponiert,
sondern der dämonische Geist seines Genies habe ihn
in seiner Gewalt gehabt. Er war also überzeugt, dass
Mozart hier ausgeführt hatte, was ihm sein Dämon gebot.
Goethe wusste, wovon er sprach, denn auch er verdankte seinem
Daimon einige seiner Werke, nicht nur den Faust.
Heute folgen wir nicht mehr dem
Dämon - wir nennen es Berufung, oder Bestimmung.
Einer jüdischen Legende nach weiß unsere Seele von
Anbeginn alles über unsere Bestimmung, unsere mögliche
Berufung in dieser Welt. Dieses Ur-Wissen wird in
der Geschichte von einem Engel (oder Dämon) gelöscht,
der bei der Geburt seinen Zeigefinger auf unsere Oberlippe legt,
um uns den Mund zu versiegeln. Nur die kleine Vertiefung erinnere
noch an unser vorgeburtliches Wissen. Und so wandert unser Zeigefinger
manchmal nachdenklich an diese bedeutsame Stelle, wenn wir uns
erinnern wollen, wenn wir eine Einsicht zurückholen oder
einen verloren gegangenen Gedanken wieder finden möchten.
Der Keim
Für Aristoteles bedeutete
Seele sowohl Form als auch Bewegung eines Körpers. Eine
Form, die uns zu Beginn als Bild, als Entwurf, als Bestimmung
mitgegeben wird. Von ihm stammt auch der Begriff Entelechie.
Damit meint er eine zielgerichtete Entwicklungsfähigkeit,
eine Kraft zur Entfaltung, zur Verwirklichung jener Möglichkeiten,
die in einem lebendigen Wesen angelegt sind. Die Entelechie bewirkt,
dass aus einem Eichelsamen eine Eiche wird, aus einem Sonnenblumensamen
eine Sonnenblume. Entelechie meint also den Geist, die Energie,
die in einem Samenkorn steckt.
Und gilt das nicht auch für den Menschen? Der Stuttgarter
Analytiker Hans Schmid formulierte es so: Der Mensch ist
fertig im Augenblick seiner Geburt - er muss es nur noch werden.
und erfand dafür den Begriff Werdegestalt. In
jedem Menschen schlummert eine solche Werdegestalt. In jedem
Menschen gibt es eine entelechiale Kraft, die ihn dafür
gewinnen möchte, der zu werden, als der er wesentlich gemeint
ist. C.G. Jung drückte es einmal so aus: Seele ist
das Lebendige im Menschen, das aus sich selbst Lebende und Leben
Verursachende.
Natürlich können wir
die Wachstums-Schübe unserer Seele ignorieren. Wir können
sie vernachlässigen oder blockieren. Aber es rächt
sich irgendwann. Der Mensch erkrankt am ungelebten Leben seiner
Seele. Das bedeutet: Die Entelechie unserer Seele weiß
nicht nur, wie sich unser Leben entwickeln und entfalten sollte
- sie ist auch die Verursacherin unserer Unzufriedenheiten und
Frustrationen. Sie meldet sich in der Not ihrer verhinderten
und behinderten Entwicklung und Verwirklichung.
Die Reifung
Jeden Tag werden wir älter.
Jedes Jahr feiern wir unseren Geburtstag. Aber bedeutet das,
dass wir damit auch reifer werden? Meist geht es uns im Leben
wie in der Schule: Wenn wir unser Pensum nicht gelernt haben,
bleiben wir sitzen und müssen die Klasse wiederholen. Die
meisten Sitzenbleiber gibt es erst nach der Schule, nach der
Matura, nach einem abgeschlossenen Universitätsstudium.
Man kann sich kaum vorstellen, wie viele Menschen es heute versäumen,
seelisch erwachsen zu werden - was nicht ausschließt, dass
sie (als Eltern oder Lehrer) Kinder erziehen, dass sie in der
Wissenschaft, in Politik und Wirtschaft in ranghohe Stellungen
aufsteigen, dass sie Bücher schreiben (manche sogar über
sich selbst, was dann besonders peinlich wirkt)
Aber bleiben
wir bei uns. Wir halten es oft lange aus, im Kreis zu gehen -
also älter zu werden, ohne aus unseren Erfahrungen zu lernen.
Oder - nicht weniger verhängnisvoll - wir bleiben auf bestimmte
Erfahrungen (meist negative) fixiert, um zu begründen, warum
wir uns heute so misstrauisch, so distanziert, so intolerant
verhalten.
Der Liedermacher und Poet Konstantin
Wecker bekennt in einem seiner Bücher: Was für
eine Gnade kann Krankheit sein, ein Misserfolg zur rechten Zeit,
eine Trennung von einem geliebten Menschen, und meist kommt der
Anstoß für ehrliche Seelenarbeit durch ein unvorhergesehenes
Leid. In der Tat! Oft - wenn wir uns dem Seelenwachstum
lange genug verweigert haben - kommt der Anstoß scheinbar
von außen. Dann nennen wir es: Unglück, Schicksal
oder Katastrophe; bestenfalls: Fügung.
Wer kennt das nicht aus dem eigenen Leben (oder aus seiner Umgebung)?
Wer keine Entwicklung in der eigenen Brust durchmacht, wer sich
nicht von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wandelt und
entfaltet, der wird nie schöpferisch - er bleibt amusisch,
seelisch frustriert und kann deshalb nie so recht an eine gute
Entwicklung glauben. Es dauert oft lang, bis wir einen Schritt
nach vorne tun. Für viele Menschen gilt, vor allem nach
der Lebensmitte, die Diagnose: Sie leben unter ihrem Niveau.
Die Lektionen
Ein Mensch, der keinen
Mangel empfindet, ist schon tot, konstatierte Joseph Beuys.
Ein Gespür für den Mangel ist wohl das Wichtigste,
was wir zur Ein-Sicht brauchen. Diese Sicht in unser Inneres
erfordert eine andere Einschätzung, oder besser Wertschätzung
mancher Symptome. Ich denke, es gibt im Leben eines jeden Menschen
legitime Perioden der Einsamkeit, berechtigte Phasen der Frustration
und Traurigkeit. Hier liegt eine Versuchung der Psychotherapie
und in diese Falle stolpern so manche Therapeuten. Nämlich:
Die notwendigen, weil heilsamen Symptome des Mangels möglichst
schnell wegtherapieren zu wollen.
Viele Menschen leiden zu Recht
an der Gesellschaft, in der sie leben. Nicht selten erkrankt
ein sensibler Mensch an der Unfähigkeit, mit einem Problem
fertig zu werden, das von der Gesellschaft (noch) nicht als Problem
erkannt wird. Oft machen Konventionen, moralische Ansprüche,
die Menschen wirklich krank. (Oder erklären sie willkürlich
als krank: Als etwa in den USA der Schwulenparagraph aufgehoben
wurde, durften sich Millionen über Nacht als gesund betrachten!).
Was ich sagen will: Unter vielen Depressionen verbirgt sich oft
ein Leiden, das auf ein gesundes Empfinden schließen lässt.
Mangel, Sehnsucht, Unzufriedenheit, Traurigkeit und Einsamkeit
- durch diese Tore streckt die Seele ihre Fühler aus. Es
sind im Grunde Gesundheits-Symptome, die nicht einfach
pathologisiert werden dürfen (außer die Krankenkassen
verlangen das wegen der Kostenrückvergütung!).
Auch das Gefühl der realen
Sinnlosigkeit ist bisweilen auszuhalten, weil es eben nicht pathologisch
ist. Therapeuten, die an solchen Symptomen herumkurieren, gleichen
Ärzten, die einem Hungrigen (statt ihn ins Wirtshaus zu
schicken) eine Spritze gegen das Hungergefühl verabreichen
- gegen Honorar natürlich. Psychologische Probleme dürfen
nicht mit den Mysterien der Seele verwechselt werden. Was die
großen Lebensprobleme betrifft, so war C.G. Jung davon
überzeugt, dass diese nie auf immer gelöst werden können,
denn ihr Sinn und Zweck scheint nicht in der Lösung
zu liegen, sondern darin, dass wir unablässig an ihnen arbeiten.
Das allein bewahrt uns vor Verdummung und Versteinerung.
Die Nahrung
Wer einen Krieg miterlebt hat,
ob als Kind oder Erwachsener, weiß was es bedeutet, Teile
der eigenen Seele abtöten zu müssen. Denn bevor man
andere töten kann, muss man einen Teil der eigenen Seele
getötet haben, d.h. einige Werte außer Kraft setzen
- wie Anstand, Zartgefühl, Erbarmen, Großzügigkeit
Das wissen auch Politiker und Militärstrategen, wenn sie
einen Krieg planen und Menschen dafür abrichten.
Das Schrumpfen der Seele
findet aber nicht nur in Israel und Palästina statt, nicht
nur im Irak und im Pentagon. Es findet auch statt, wenn bei uns
Kultur mit Quotenfernsehen und Musikantenstadl verwechselt wird.
Denn nicht nur der Einzelne hat eine Seele - auch eine Gemeinde,
eine Stadt, eine Kommune
sie alle haben ihre Seele. Und
diese kollektive Seele nährt sich vor allem von der Kunst
- von einer Kultur, die diesen Namen verdient. Der Staat spart
und verweigert den Theatern und anderen Kunstzentren die Subventionen.
Er spart bei der Bildung und bei Lehrern. Was an den Schulen
zuerst auf der Strecke bleibt, sind Kunst- und Musikunterricht,
für manche ein unnötiger Luxus. Was der
Staat hier einspart, wird er um ein Vielfaches ausgeben müssen
zur Bekämpfung von Drogenmissbrauch und anderer Kriminalität.
Denn die Seele nährt sich vor allem von der Fantasie und
der Schönheit, also von der Kunst im weitesten Sinne.
Der Schatten
Gegen Ende seines Lebens machte
C.G. Jung darauf aufmerksam, dass uns die schlimmsten und größten
Gefahren nicht von Seuchen und Nuklearwaffen drohen, sondern
vom Menschen selbst. Und zwar von harmlosen Gentlemen,
von vernünftigen, angesehenen Bürgern, denen eines
nicht bewusst ist: Ihr Schatten.
Im Schatten verbirgt sich einer
der fruchtbarsten und heilsamsten Begriffe der Tiefenpsychologie:
das Gesamte des nicht zugelassenen bzw. verdrängten Lebens.
Der österreichische Publizist und Historiker Friedrich Heer
forderte immer wieder das Gespräch der Feinde
ein: Eine offene Auseinandersetzung zwischen Oben
und Unten, zwischen Links und Rechts.
Er war überzeugt, dass dieses Gespräch auch jeder mit
sich selbst führen muss. Wer dieses Gespräch zwischen
seinen verschiedenen Triebschichten und Bewusstseinsebenen verweigert
oder zu früh abbricht, bleibt lebenslang ein Gefangener
seiner eigenen unbewältigten Vergangenheit. Er nimmt den
Teufel in der eigenen Brust nicht wahr und entwickelt
sich deshalb kaum zu einer vollständigen Persönlichkeit.
Auch Alexander Solschenizyn beschäftigte
sich mit dem Schatten: Erst im Gefängnis wurde mir
klar, dass die Linie, die Gut und Böse von einander trennt,
nicht zwischen den Staaten, nicht zwischen den Klassen, nicht
zwischen den Parteien verläuft. Sie verläuft mitten
durch jedes menschliche Herz - und durch alle menschlichen Herzen
hindurch. Diese Linie ist beweglich, sie verschiebt sich in uns
mit den Jahren. Sogar in einem Herzen, das vom Bösen umfangen
ist, hält sich ein kleiner Brückenkopf des Guten. Sogar
im besten Herzen gibt es ein nicht ausgerottetes Eckchen für
das Böse. Solschenizyn hat längere Zeit in den
Vereinigten Staaten gelebt. Aber ob der jetzige Präsident
der USA seinen Namen kennt oder je etwas von ihm gelesen hat,
wage ich zu bezweifeln.
Bewusst Sein
Für C.G. Jung war der Verlust
des großen Zusammenhangs das eigentliche neurotische Grundübel.
Damit sind wir beim Thema Spiritualität angelangt. Leben
bedeutet: Konkrete Erfahrung. Und für mich ist Spiritualität
die erlittene, erlebte und gelebte Erfahrung. Vor 25 Jahren,
als ich mit meiner Therapieausbildung begann, war es noch verpönt,
ja fast blasphemisch, Psychotherapie und Spiritualität in
einem Atemzug zu nennen. Für die Seele fühlten sich
die Vertreter der Religionen und Kirchen zuständig: Glaube
nur fest an Jesus Christus und alles wird gut! Bete, und deine
Seele wird geheilt werden! Wer genug Glauben hat, braucht keine
Therapie! Oder umgekehrt: Wer eine Therapie braucht, mit dessen
Glaube stimmt wohl etwas nicht
Heute sind sich ernst zu nehmende
spirituelle Lehrer, egal welcher Religionsgemeinschaft, einig:
Es gibt Probleme, die sich durch Meditationen und Gebete allein
nicht lösen lassen. Sie brauchen Selbsterkenntnis - und
die ist laut C.G. Jung eine spirituelle Notwendigkeit: Im Unbewussten
zu verharren, ist für ihn die schlimmste Sünde.
Denn an der Wurzel dessen, was Sinn oder Spiritualität meinen
könnte, liegt der Akt, durch den ich mich selbst annehme.
Ich soll damit einverstanden sein, der zu sein, der ich bin.
Einverstanden, die Eigenschaften zu haben, die ich habe. Einverstanden,
mich in den Grenzen zu bewegen, die mir gezogen sind.
Hier geht es nicht etwa um eine
akademische Kenntnis. Hier geht es um ein Wissen und Kennen,
das mit Liebe zu tun hat. Es geht darum, den eigenen Erfahrungen
zu trauen. Paulo Coelho, einer der meist gelesenen Autoren unserer
Zeit, sagte in einem Gespräch: Ich habe mich zu entscheiden,
ob ich die Verantwortung für meinen spirituellen Weg selbst
trage oder ob ich sie in die Hände anderer Menschen lege.
Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten. Wie gefährlich
der zweite Weg ist, zeigt uns die Welt jeden Tag. Das Delegieren
der spirituellen Verantwortung führt zu Religionskriegen,
denn der Glaube an spirituelle Führerschaft schließt
Toleranz aus. Es kann keine Führer in der Religion geben.
Menschen, welche die Verantwortung für ihr Seelenheil anderen
übertragen, werden in der Regel missbraucht.
Selbst Erfahrung
Natürlich können wir
Anregungen, Anstöße und Impulse von außen annehmen
- auch Hilfe, wenn es nötig ist. Aber letztlich darf ich
vor allem meinen eigenen Erfahrungen trauen.
Alexander Dumas war nicht nur
ein brillanter Romanschriftsteller, sondern auch ein begnadeter
Koch. Auf eines seiner Kochbücher schrieb er als Motto:
Der Mensch lebt nicht von dem, was er isst, sondern von
dem, was er verdaut. Was unser Organismus nicht verarbeitet,
liegt uns im Magen oder kommt uns wieder hoch. Nur was verdaut
wird, verwandelt sich in Lebenskraft und Lebensenergie. Das gilt
auch für Geist und Seele: Der Mensch lebt nicht von dem,
was er zu sich genommen, sondern von dem, was er verdaut hat.
Das heißt: Bloßes Kopfwissen oder übernommene
Glaubenssätze (und klingen sie noch so hehr und erhaben)
sind erst dann wirkliche Nahrung für die Seele, wenn sie
von eigenen Erfahrungen gedeckt und beglaubigt werden. Nur was
die eigene Seele assimiliert, hat Bestand und kann sich im Leben
bewähren.
Der Akt des Sich-Annehmens schließt
auch die Versöhnung mit der Vergangenheit ein. Jeder von
uns schleppt Verletzungen mit sich - aus der Kindheit, aus Kränkungen,
aus Verrat und Lüge. Nicht alle dieser Verletzungen können
auf immer gelöst werden - aber wenn wir sie annehmen, uns
mit ihnen versöhnen, verlieren sie vielleicht über
die Jahre ihren Stachel, ihre Bitternis. Der ungarische Schriftsteller
Imre Kertesz, der als Vierzehnjähriger aus Budapest verschleppt
wurde und Auschwitz überlebte, erhielt vor zwei Jahren den
Nobel-Preis (was er selbst eine Glücks-Katastrophe
nannte). In einem Zeitungs-Interview bekannte er: Ich möchte
meine Vergangenheit nicht ändern. Ich habe ein wunderbares
Leben gehabt
Auschwitz ist mein größter Reichtum.
Die Nähe zum Tod ist unvergesslich. Das Leben war nie so
schön, wie in diesem langen Augenblick.
Ob wir
mit unseren Wunden und Verletzungen je so umgehen können,
wie Imre Kertesz mit den seinen, sei dahingestellt. Aber versuchen
könnten wir es. Weil alles, was wir zu uns nehmen und seelisch
verdauen zu unserer Menschlichkeit beiträgt.
Das Mysterium
Ohne Seele (oder wie immer man
diesen göttlichen Hauch oder Atem nennen will) gibt es keine
Person - und ohne Person gibt es keine Liebe. Die Liebe,
schrieb der mexikanische Autor Octavio Paz,
überträgt
die Eigenschaften der Seele auf den Körper, so dass dieser
nicht länger ein Gefängnis ist. Der Liebende liebt
den Körper, als wäre er Seele, und die Seele, als wäre
sie Körper. Die Liebe vermischt die Erde mit dem Himmel.
Nur durch die Liebe entdecken wir das Alltäglichste und
Vertrauteste: Das Mysterium, das jeder von uns ist.
Die Seele des Menschen ist und
bleibt ein Geheimnis. Denn in jeder Menschenseele ist eine innere
Landschaft verborgen. Eine Landschaft mit unbetretenen
Ebenen, mit Schluchten des Schweigens, mit lastenden Bergen,
mit geheimen Gärten, und du kannst über diesen oder
jenen ein ganzes Leben lang sprechen, ohne zu ermüden.
(Antoine de Saint Exupery)
Und - vergessen wir doch die
viel beschworenen Ganzheit! Der frühere kirchliche Tugendterror
scheint bei manchen Therapeuten und anderen Menschen zu einem
Ganzheits-Terror zu mutieren. Sei ganz! Werde ganz!,
tönen die Parolen. Aber wie heißt es schon im Hohen
Lied der Liebe: Stückwerk ist unser Erkennen.
Und Stückwerk bleibt unser Bemühen ein Leben lang.
Das Leben der meisten Menschen endet jedenfalls als Stückwerk,
als Torso
Und warum nicht? Torso meint die Vollendung in
der Versehrtheit. Meint etwas Vollkommenes in der Brüchigkeit.
Torso: Das ist die Vision des unmöglich Vollkommenen. In
diesem Sinn dürfen wir auch Ja sagen zu einer gelungenen
Halbheit.
Die Poesie
WENN wir etwas über unsere
Seele erfahren wollen, dann sind psychologische Bücher (mit
ihren ihre ernsthaften Behauptungen und langatmigen Proklamationen
neuester Ergebnisse) selten hilfreich. Lesen Sie
lieber Romane und Gedichte alter und neuer Schriftsteller! Gehen
Sie lieber ins Kino, ins Konzert, ins Kabarett!
Apropos Kino: Versteht man Religionen
als symbolische Antworten auf die großen Lebensfragen,
dann ist das Kino ein exponierter Ort für poetische Auseinandersetzungen
mit der Rätselhaftigkeit und Widersprüchlichkeit des
Lebens. Religiöse Kommunikation findet darum auch im Kino
statt - vielleicht heute sogar mehr im Kino als in den Kirchen.
Denn die Kinobilder sind Ausdruck von Gegenwarts- und Lebenserfahrung.
Sie spiegeln die Träume und Albträume unserer Zeit.
Natürlich müssen wir da genauso wählerisch sein,
wie in einem Buchladen. Schund gibt es da und dort. Aber in einem
Woody Allen- oder Axel Corti-Film können wir zehnmal mehr
von unserer Seele erfahren, als in einem Psychologie-Seminar.
Also - gehen Sie oft ins Kino, hören Sie Musik, lesen Sie
Romane, Geschichten, Gedichte
welche die Seele berühren,
sie in der Tiefe aufwühlen, die diese mächtige Sehnsucht
in uns entfachen, das Leben in all seinen Facetten zu erfahren!
Mich selber begleitet schon länger
ein tröstlicher, poetischer Gedanke, mit dem ich schließen
möchte. Er stammt von Christine Busta:
Ich glaube, dass jeder Mensch
mit einer unerfüllten Sehnsucht
von dieser Erde scheidet.
Aber ich glaube auch,
dass die Treue zu dieser Sehnsucht
die Erfüllung unseres Lebens ist.
Autoren-kasten
Dr. Leo Prothmann
studierte Philosophie und Theologie (war 22 Jahre lang Pfarrer),
ab 1979 berufliche Umorientierung, Studium der Psychologie an
der Uni Salzburg und Ausbildg. in Analytischer Psychologie nach
C. G. Jung. Seit 1983 arbeitete er als Psychotherapeut und Analytiker,
vorerst im öffentlichen Dienst, heute in freier Praxis in
Salzburg.
E-mail-Kontakt: prothmann@aon.at
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