27.02.2007 / Kapital & Arbeit
/ Seite 9/Auszug Junge Welt
Schimäre Atomkraft
Konservative »Klimaretter« fordern neue AKW. Sicherheit
und Lagerprobleme werden ausgeblendet. Auch das knapper und teurer
werdende Uran
Von Steffen Bogs
Atomkraftwerk Forsmark: Auch wenn die Katastrophe im letzten
Mom
Atomkraftwerk Forsmark: Auch wenn die Katastrophe im letzten
Moment abgewendet wurde, Tschernobyl kann überall sein
Foto: AP
Konservative Politiker haben den Klimaschutz entdeckt: Weniger
Kohlendioxidausstoß heißt die Devise. Und mehr Atomkraft.
Ausgerechnet die hochriskante Technologie mit der ungelösten
Entsorgungsfrage soll die Erde vor einer Klimakatastrophe bewahren?
Bundeskanzlerin Angela Merkel
stellte am Wochenende erstmals öffentlich den Atomausstieg
in Frage. Dieser sei zu schnell erfolgt, sagte sie in der Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung und kündigte an, das Thema in
der großen Koalition zu diskutieren. Mit dem Klimaschutz
argumentierte auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident
Jürgen Rüttgers (CDU). Er forderte die SPD in Bild
am Sonntag auf, den Ausstiegsbeschluß zu überdenken:
»Wenn es darum geht, den Planeten zu retten, darf es keine
Denkverbote geben.«
Lobby auf Touren
Weltweit macht die Atomlobby derzeit mobil. Doch weder Klimaschutz
noch das Problem knapper werdender fossiler Brennstoffe lasse
sich durch Atomkraft lösen, sagen zahlreiche Experten. Wer
jetzt laut »Atomstrom« ruft, hat wohl eher die kurzfristigen
Gewinnerwartungen der Kraftwerksbetreiber im Blick. Die Angebotslücke
beim Rohstoff Uran und dessen explosionsartig steigenden Preise,
die immensen Folgekosten der Lagerung des strahlenden Abfalls
und die immer größeren Aufwendungen für Reaktorsicherheit
werden von den Lobbyisten ausgeblendet oder kleingeredet.
Nur 2,5 Prozent der weltweiten
Gesamtenergieerzeugung stammt aus Atomkraftwerken. Die OECD errechnete
in ihrem »World Energy Outlook 2006«, daß der
Verbrauch bis 2030 um 50 Prozent zunehmen wird. Mehr als 70 Prozent
dieses Zuwachses entfallen auf Schwellen- und Entwicklungsländer,
davon allein 30 Prozent auf China. Sollte dieser zusätzliche
Energiebedarf mit Kernkraft gedeckt werden, hieße das,
alle zwei Jahre die Zahl der AKW weltweit zu verdoppeln.
Die globale Stromerzeugung wird
derzeit zu gut 16 Prozent durch Atomkraftwerke sichergestellt.
In Europa liegt der Anteil bei 30, in der BRD bei 28 und in Frankreich
gar bei 75 Prozent. 210 Atomkraftwerke mit einer installierten
Leistung von 367 Gigawatt sind derzeit in 31 Staaten am Netz.
62 neue AKW sind mit Stand 2006 weltweit geplant, 28 befinden
sich im Bau, und weitere Neubauten werden diskutiert. Und alle
werden mit Brennstäben aus Uran betrieben.
Knapper Kuchen
Uranerz, heutzutag meist im Tagebau gefördert, wird als
Oxid U3O8 gehandelt hauptsächlich in seiner gepreßten
Form. Diese wird nach ihrem gelben, kuchenähnlichen Aussehen
»Yellow Cake« genannt. Und dieses Gebäck ist
teuer geworden: In den vergangenen fünf Jahren ist der Preis
für U3O8 von sechs US-Dollar pro Pfund (engl. Pound, 453,6
Gramm) auf derzeit rund 85 US-Dollar gestiegen. Ursache ist
neben dem spekulativen Element die Verknappung des gelben
Kuchens.
Experten sehen Uran derzeit bereits
kurz vor oder schon am Punkt der maximalen Fördermenge.
So standen 2006 dem verbrauchten Äquivalent von 70000 Tonnen
Uranerz nur geförderte 40000 Tonnen aus den Minen gegenüber.
Die Lücke wurde mit spaltbarem Material geschlossen, das
aus der Abrüstung von Atomwaffen gewonnen wird. Allein die
über hundert AKW der USA erzeugen zehn Prozent ihres Stroms
aus dem Uran abgerüsteter sowjetischer Sprengköpfe.
2013 laufen diese Verschrottungen aus. Dann wird die Lücke
offensichtlich.
Das meiste Uranerz wird derzeit
in Kanada und Australien aus der Erde geholt. Doch die Fördermenge
ging in Kanada von 13713 Tonnen im Jahr 2005 auf 11632 Tonnen
2006 zurück ein Abfall um etwa 15 Prozent. Australien
meldete für den gleichen Zeitraum 20 Prozent weniger gefördertes
Uran­erz. Der Ausfall einer der größten Uranminen
Kanadas am Cigar Lake dürfte das Problem und den
Preisanstieg zusätzlich angeheizt haben. Ende Oktober
kam es dort zu einem Wassereinbruch, der die Produktion zum Stillstand
brachte. Experten gehen davon aus, daß die Schäden
wenn überhaupt erst 2012 repariert sein werden.
»Der Verlust von Cigar Lake in der Uran-Branche ist mit
einem Verlust von Saudi-Arabien für den Ölmarkt vergleichbar«,
kommentierte dies ein kanadischer Analyst. Inzwischen rechnen
Börsianer mit einem Preis von 100 bis 120 Dollar, der in
Kürze erreicht sein wird.
So werden notwendige Ressourcen
für die Erforschung und den Ausbau erneuerbarer Energien
in eine Technik ohne Zukunft gepumpt. Um den wachsenden Bedarf
zu decken, müßten bis 2050 900 AKW gebaut werden,
schätzen Experten. Das wären Investitionen zwischen
zwei und 3,5 Milliarden US-Dollar je Kraftwerk. Woher das nötige
Uran für diese Atommeiler kommen soll, bleibt ein Rätsel
der Planer. Zwar hofft die Atomlobby, daß über Preiserhöhungen
der Abbau selbst weniger erzhaltiger Lagerstätten lukrativ
wird. Auch könnte mittels erhöhter (Atom-)Strompreise
der Forschungsaufwand für Technologien wie den »schnellen
Brüter« vorangetrieben werden, der eine höhere
Energieeffizienz von AKW ermöglichen soll. Doch das dürfte
kaum realistisch sein, zumal das Problem der »Endlagerung«
des Strahlenmülls stets ausgeklammert wird. Eine Lösung
ist extrem teurer, unsicherer Atomstrom selbst dann nicht, sollten
die globalen Uranreserven noch 200 statt der derzeit prognostiszierten
50 Jahre reichen.
Und das Klima? Die OECD hält
in ihrem Energieausblick 2006 die Kernenergie als das am wenigsten
geeignete Mittel zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Dieser
sollte laut dem »Alternative Policy Scenario« über
Steigerung der Energieeffizienz (65 Prozent), Nutzung anderer
CO2-ärmerer fossiler Treibstoffe (13 Prozent), und Nutzung
regenerativer Energien (zwölf Prozent) zur Reduzierung der
Emissionen beitragen.