Über eine Grundlage herrschender Moral und von der Möglichkeit ihrer Überwindung
Von der Gemeinsamkeit der Regierung und der Opposition
aus philosophisch naturwissenschaftlicher Sicht
oder:
Vom Zusammenhang zwischen Kapitalismus, Kommunismus und Chaosforschung
und der Möglichkeit der Schaffung humaner Lebensformen
von Klaus Jäger
Zu der Ausgangslage der hier vorliegenden Untersuchung gehört auch der Umstand, dass die deutsche parlamentarische Opposition, sobald sie selbst mit am Tisch der Regierenden sitzt, ähnliche, wenn nicht gar gleiche Argumente gebraucht, um politische Maßnahmen zu rechtfertigen, die keineswegs dem Wohl der Bevölkerung dienen. So handelt nicht nur die Linkspartei.pds, sondern auch die Grünen/Bündnis 90 rechtfertigten ihre Politik des Sozialraubs während ihrer Regierungsverantwortung mit Argumenten, die denen ihres - ehemaligen - politischen Gegners glichen. Da trifft es sich gut, hier im alten Europa auf Bücher zurück greifen zu können (die ich später hier benenne), die ernsthafte, dem Leben zugewandte Männer schrieben, um Licht in die Dunkelheit der angerichteten Verwirrung zu bringen.
Liebe Leserinnen und Leser, hier beschäftigt uns nicht nur die Kritik der neoliberalen Ideologie und ihrer Herrschaft, sondern auch die Ideologie ihres Gegenparts, der parlamentarischen Opposition. Die Linkspartei.pds verantwortet in Mecklenburg Vorpommern, dem Land Berlin und in Dresden auch z.B. die Verschleuderung tausender Sozialwohnungen an Hedgefonds mit, - kurz: sie rechtfertigt ihr neoliberales Benehmen auch mit dem Hinweis auf die Haushaltslage, wie das alle Regierungsparteien tun. Es steht deshalb zu erwarten, dass die neu zu gründende linke Partei, gesteuert von der Lpds, bei einer zukünftigen Regierungsbeteiligung auf Bundesebene auch wieder nur das so genannte kleinere Übel sein will, mit dem man sich dem Wähler andient. Es gibt also Gemeinsamkeiten bei den Herrschenden und ihrer Opposition nur, was könnten diese sein?
Apropos kleineres Übel : wer immer nur das kleinere Übel wählt, dem wird mit der Zeit auch der Hals zugeschnürt; denn einen Zuwachs an Freiheit, an Lebensqualität, an Lebensfreude wird es mit der Wahl eines kleineren Übels nicht geben können. Wer nur die Wahl zwischen zwei Übeln hat, einem großen und einem vermeintlich Kleinen, dem wird es niemals besser gehen, sondern fortschreitend schlechter.
Gemeinsamkeit von Regierung und Opposition
Was also könnte das Gemeinsame der Regierungsparteien und ihrer Opposition sein? Sehen wir uns die Kontrahenten beider Seiten an: auf der einen Seite der ungebremste Kapitalismus, auf der anderen ein kaum verhüllter Kommunismus. Wie zwei Seiten einer Medaille. Oder einer Münze. Der Kapitalismus schürt den Konkurrenzkampf, den Kampf jeder gegen jeden, ihm ist das Geld der Bundeshaushalt, wie die Kanzlerin Frau Merkel, Herr Bundesfinanzminister Steinbrück u.a. nicht müde werden zu beteuern wichtigstes Argument, Richtschnur der Politik um seine weiteren so genannten Privatisierungen, seinen Sozialraub durch staatliche Enteignung (ALG 2) zu rechtfertigen - und die Linkspartei argumentiert dort, wo sie Regierungsverantwortung mit trägt, auf gleiche Weise. Da haben wir schon mal eine Gemeinsamkeit.
Was könnte also die gemeinsame Münze sein, von der die beiden Großtheorien die jeweils andere Seite sind? Der Begriff Münze steht hier für einen gemeinsamen Wert, den man schätzt. (Zum Begriff des Wertes später in diesem Aufsatz mehr.) Die EINE Münze, das verbindende Element der beiden Großtheorien, ist: der Glaube daran, dass es nur ums Geld gehe. Darüber wird gestritten. Das Geld regiert die Welt das ist eine Pseudoweisheit, die aber noch alle aus allen Fraktionen unterschreiben werden. Daran glauben sie beide. Diesen Gedanken fand ich bestätigt in Arno Placks Werk: Die Gesellschaft und das Böse (Fischer Taschenbuch Verlag, Ffm.; Neuauflage 1991; S. 39) Das ist der zentrale Gedanke in beiden Ideologien: Umverteilung des Geldes. Man glaubt hüben wie drüben daran, dass die rechte Verteilung des Geldes alle Probleme lösen würde.
Geld versus Arbeit
Doch wie kommt das Huhn in den Topf, wie kommt das Brot in den Schrank? Nicht Geld tut das, sondern das besorgen die Hände und Köpfe von Menschen, deren Arbeit also. Das Korn zum Brot sät sich nicht von alleine auf den Feldern aus; die Ernte der Ähren fährt sich nicht von alleine ein; das Mehl wird nicht von Münzen oder Geldscheinen gemahlen, sondern von Menschen, die Maschinen bedienen; das Brot schließlich wird auch nicht von Geld gebacken, sondern Menschen tun das und verteilt wird es auch von Menschen. Es ist also die Arbeit von Menschen, ohne die das Brot nicht in den Schrank käme, das Huhn nicht in den Topf.
Der Kapitalist will möglichst viel Geld für sich. Er will anhäufen, sammeln, horten, festhalten, akkumulieren. Das ist MEINS! ruft er aus in infantiler Manier, denn es handelt sich hier: bei volkswirtschaftlicher Produktion und Dienstleistung und Forschung und Kultur, nicht um Privatspielzeug, mit dem man machen kann, was man will, weil es einem gehört. Es handelt sich hier um das Ergebnis gemeinschaftlicher Arbeit, das er für sich alleine beansprucht.
Der Kommunist ruft: Das ist UNSER! Er meint das gleiche, nur offiziell anders verteilt, auf möglichst viele Anteilshalter, Kleinaktionäre und verteilt damit das gemeinschaftlich Erarbeitete so weit, dass zuletzt niemand mehr Einfluß auf das Geld nehmen kann als die angestellten Manager oder die im Staatsdienst stehenden Funktionäre, die zwar sagen können: Der Betrieb gehört dem Volk, es aber trotzdem nicht zu einer Herrschaft der Arbeitenden kommt, weil die Funktionäre, die Manager eben die Führung haben ganz in feudalistischer Manier.
Beide Ideologien beziehen sich in ihrem Weltverständnis auf das Besitzverhältnis, das Eigentum. Als ob es alleine der Besitz wäre, der etwas hervor bringt, als ob es alleine das Geld wäre, das Folgen zeitigt, das Erfolg bewirkt. Als wäre das Geld der Motor des Lebens.
Aber gesetzt den Fall, alles Geld wäre über Nacht entwertet, würden die Menschen dann aufhören zu arbeiten? Stände der Motor des Lebens still? Würden die Ähren nicht mehr wachsen? Gäbe es keinen Regen mehr, keine Sonne, keinen Wind, keine Erde?
Würden die Menschen sich nicht mehr begehren und lieben? Würden sie aufhören zu essen, weil das Geld weg ist? Nein. Wir Menschen würden wieder tauschen, selber anbauen, füreinander in wechselseitiger Weise arbeiten: Hilfst Du mir, dann helfe ich Dir. Denn alle Menschen wollen leben, wie alle Kreatur leben will.
In Südamerika, speziell Argentinien, lässt sich derzeit erleben, was passiert, wenn das Geld kein mehr Wert ist: die Menschen haben sich genossenschaftlich organisiert.
Bei Kapitalismus und Kommunismus handelt es sich um Ideologien, die den Menschen und sein Leben auf diesen einen Aspekt reduzieren: Geld. Als gäbe es keine natürlichen Triebe des Menschen, als gäbe es keine Psyche, keinen Körper, keine Natur. Nicht zu vergessen: als gäbe es keinen Tod und keine Geburt. Das menschliche Leben wird betrachtet, als fände es außerhalb der Natur statt in einem leeren Raum, in dem man nur die richtige Geldverteilungsmaschine einbauen müsse, damit tja, was eigentlich? Liebe und Gerechtigkeit herrschen unter den Menschen? Das Glück? Damit alles in Ordnung ist für immer und ewig?
Die Kreatur Mensch jedoch lebt nicht in oder auf einer Gesellschaftsmaschine im leeren, von den Gesetzen des Geldes beherrschten Raum, sondern auf einem lebendigen Planeten voller Mitgeschöpfe, mit deren Leben und Sterben das seine auf zahllose und unauflösliche Weise verknüpft ist. Sei es durch die Nabelschnur der Säugetiere, sei es durch die Gemeinsamkeiten jeglicher Kreatur: leben wollen, Hunger stillen, Sexus, Bewegung, soziale Gefüge. Was diese Verknüpfung - oder: das Eingebundensein in Natur - für den Freiheitsbegriff bedeutet, werde ich an anderer Stelle diskutieren, klar ist aber, das es in einem derartig vernetzten, verknüpften, verbundenen Leben in einem derart voneinander abhängigen Leben - keine absolute Freiheit im leeren Raum geben kann. Es gibt, daran sei erinnert, auch Naturgesetze.
Wir sehen: das Weltverständnis sowohl des Kapitalismus als auch des Kommunismus lässt von der Wirklichkeit des Menschen in seiner Abhängigkeit von der Natur, lässt von seiner Kreatürlichkeit und seiner Umwelt das meiste weg. Gar nicht zu sprechen von des Menschen biologischen Trieben, seiner Liebe zu Partnern, Kindern, Eltern, Freunden, seine Träumen, seinen Hoffnungen, seinen Begabungen und Ängsten. Beide Ideologien reduzieren das Leben. Das ist der Grund dafür, dass sie beide untauglich sind für eine Neuorganisation der humanen Gesellschaft. In der Reduktion auf das Geld liegt aber ein Denkfehler, weil diese Reduktion andere Phänomene des Lebens, die konstituierend für unser Dasein sind, zwecks vermeintlich leichterer Handhabung ausklammert, blind dafür ist oder sein will. Es handelt sich also um ein reduziertes Weltbild, ein reduziertes Weltverständnis mit dem beide operieren.
Der Zusammenhang des reduzierten Weltverständnisses mit modernster Wissenschaft
Ein Ausflug in die Chaosforschung
Die Chaosforschung bestätigt das oben Gesagte, ganz unideologisch mit mathematischer Präzision; hier sprechen die Forscher von dem alten, reduzierten Weltbild als einem mechanistisch reduktionistischem.
Was ist das mechanistisch reduktionistische Weltbild? (Zur erweiterten privaten Forschung empfehle ich das Buch: Die Entdeckung des Chaos Eine Reise durch die Chaostheorie; von John Briggs u. F. David Peat; dtv Verlag; München)
Das mechanistisch reduktionistische Weltverständnis drückt sich in der Vorstellung aus, das Leben, das Universum und der ganze Rest seien wie eine Maschine und deshalb vollends beherrschbar, weil berechenbar mit den Newtonschen linearen Differentialgleichungen. Diese ermöglichen zweifelsohne eine Menge: den Bau von Brücken, Eisenbahnen, Flugzeugen, Hochhäusern usw. Kurze Erklärung: lineare Differentialgleichungen setzen zeitliche Veränderungen mit Kräften in Beziehung; sie erlauben die Berechnung des Ursache Wirkung Schemas; kleine Veränderungen rufen hier kleine Wirkungen hervor, große Veränderungen rufen große Wirkungen hervor. Bei den linearen Differentialgleichungen werden in die Variablen reduzierte mathematische Werte eingesetzt; man arbeitet mit einem "ungefähren Wert x", der als Zahl präzise ist; aber man beschränkt sich bei der Rechnung auf z.B. 2 Kommastellen, man reduziert. Dies glückt auch im Normalfall - also bei Brückenbau, Eisenbahn, Hochhausbau, Motorentechnik, bei mechanischen Dingen.
Der französische Physiker Laplace glaubte (zur Zeit Napoleons) allen Ernstes, man könne eines Tages eine einzige mathematische Gleichung herleiten, die ALLES in mechanischen Begriffen beschreiben könne. Mit ALLES meinte er buchstäblich ALLES: das GANZE Leben, den ganzen Kosmos, alle Galaxien, die Gesamtheit der Schöpfung einschließlich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, und mir. Die Weltformel war für ihn nur noch eine Frage der Zeit der Zeit, bis man genügend Daten zusammen hätte. (An der WELTFORMEL arbeiten übrigens heute wieder und immer noch mechanistisch -reduktionistische Wissenschaftler, die damit alles Leben erklären und beherrschen wollen.) Die Beherrschbarkeit des Seins und seine völlige Vorausberechenbarkeit waren für Laplace und seine Kumpels nur eine Frage der Zeit.
Es gibt aber auch nichtlineare Gleichungen. Die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts waren auch mit ihnen vertraut. Man braucht sie zur Beschreibung unsteter Vorgänge wie plötzlichen Materialbrüchen, Stürmen, Explosionen, Erdbeben Wetterbedingungen usw. Also dort, wo plötzlicher Wandel eintritt, der mit dem Prinzip: kleine Ursache kleine Wirkung nicht erklärt werden kann. Der Umgang mit nichtlinearen Gleichungen erfordert jedoch mathematische Techniken und eine Einsicht, die den Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts nicht zur Verfügung standen.
In den siebziger Jahren jedoch des 20. Jahrhunderts beförderte die Verwendung schneller Computer die Berechnung sehr komplexer nichtlinearer Gleichungen. In einer nichtlinearen Gleichung kann nämlich die winzige Veränderung einer einzigen Variablen eine für das oben erwähnte Wirkprinzip: kleine Ursache/kleine Wirkung unverhältnismäßig große Wirkung, ja eine plötzliche Katastrophe, bzw. Veränderung des Gesamtsystems zur Folge haben, die unvorhersehbar ist und unberechenbar. Und irreversibel.
Der Volksmund kennt das: es handelt sich sozusagen um den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt; oder den Schmetterling am Amazonas, der in New York einen Wirbelsturm hervor rufen kann.
Um die Absurdität der Laplacschen Weltformel auf physikalischer Ebene zu erläutern, noch einen kurzen Ausflug in die Chaosforschung:
Es gibt bei nichtlinearen Gleichungen eine von den Chaosforschern so genannte sensible Abhängigkeit von den Grundkonstanten des Systems (ob es sich nun um ein Sonnensystem handelt oder eine Gesellschaft); die Grundkonstanten bewirken das Systemverhalten. Da die Grundkonstanten aber aufgrund der Natur der Natur (hahaha, die Elementarteilchen sind gemeint) so zahlreich sind - wir haben es hier mit Quarks, Leptomen, Mesonen, Elektronen, Mysonen usw. zu tun also zahllosen Phänomenen deren Ladung, Spin, Masse, Bewegungsrichtung, und was der Eigenschaften mehr sind, nicht berechnet werden können und zusätzlich die winzige Veränderung einer Variablen in einer nichtlineraren Gleichung riesige Folgen zeitigen kann ist eine Weltformel schlicht unmöglich.
Sie könnte mittels linearer Gleichungen nicht mal die Hälfte der Welt beschreiben, oder nicht mal das, weil es viel zu viele Faktoren / Variablen gibt, die berücksichtigt werden müssen. Zusätzlich befinden sich die Elementarteilchen auch noch in unkontrollierbarer, unvorhersehbarer Bewegung.
Das ist, was auf der Quantenebene, der feinsten Ebene der Realität los ist: einer unstofflichen, gleichwohl aber mit materiellen Eigenschaften ausgestatteten Ebene des Seins. Mit einem Wort: Chaos. Das gehört zur Natur, liebe Leserinnen und Leser. Ich sage nicht: Das ist die Natur im Ganzen. Nöö. Aber es ist auch wesentlich in der Natur. Selbstverständlich waltet auch die Ordnung, - oder man nennt das auch: Naturgesetze.
Wir können hier den Schluss ziehen:
eine Reduzierung des Weltverständnisses auf einen einzigen Antrieb, ein Motiv, eine einzige Erklärung der Welt oder des Menschen und seiner Existenz, ist schlicht mit der Reduktion auf ein Phänomen der menschlichen Gesellschaft das Geld nicht möglich, weil unvollständig.
Denn was hält uns am Leben? Das Geld? Oder das Atmen, das Essen und Trinken? Die Stoffwechselfunktionen vielleicht? Der Austausch mit der Umwelt? Das Sonnenlicht, der Regen, die Liebe? Ja, all das und mehr, liebe Leserinnen und Leser. In allen über ihren eignen Tellerrand blickenden Wissenschaften macht sich derzeit auch die Erkenntnis breit: monokausale Ursache Wirkung Mechanismen reichen zur Erklärung der Phänomene, der Schwierigkeiten und Probleme, aber auch der Genüsse des Lebens nicht aus.
Warum sollte auch die Antriebskraft des Menschen außerhalb seiner selbst liegen? Hatten unsere Vorfahren vor ca. 1,3 Millionen Jahren (vermutlich erstes "Auftauchen" von Menschen aus den Nebeln der Vorzeit im Unteren Paläolithikum) schon ein Konto bei Fred Feuerstein? Kann es nicht sein, dass die Bedeutung des Geldes überschätzt wird? Ich sage nicht, dass Geld sei wertlos - nein; es ist auch ein Mittel zum Zweck, wie es viele Mittel für Zwecke gibt. Aber heute hat das Geld eine Bedeutung angenommen, die einem bloßen Mittel im Leben nicht zukommt. Es wird ihm nicht nur eine dominierende Rolle in der Gesellschaft, sondern DIE dominierende Rolle im menschlichen Leben zugewiesen als wäre man fixiert, krankhaft fixiert, mit Scheuklappen sozusagen ausgestattet, die den Blick verstellen. Dabei ist uns allen klar: Geld allein macht nicht glücklich.
Sozial- und tiefenpsychologischer Blick auf das Geld
Ich zitiere hier zum Thema Fixierung auf das Geld eine Passage aus dem bereits o. gen. genannten Werk von Arno Plack:
Zitat Anfang:
Der Mensch, den der Gedanke an das Geld überhaupt nicht mehr loslässt, der vom Geld als solchem Besessenen, das ist für das Verständnis des Tiefenpsychologen der > anal Fixierte <. Ein solcher Mensch ist emotional in jener Phase der Entwicklung steckengeblieben, in der die Exkremente das höchste Interesse beanspruchen durften, nicht ohne kräftige Nachhilfe der Eltern. Denn die strahlten doch und belobigten ihr Kind, wenn es täglich stolzer seine Ausscheidungen vorwies. Das so gesteuerte Menschenkind lernt sehr früh, sich die Liebe seiner Umgebung zu erkaufen, und zwar termingerecht; durch jeweils das, was es produziert: Kot ist sein erstes Geschenk (Sigmund Freud). Die Eltern erwarten es auch und insofern ist es wie Geld, das man termingerecht haben muss zur festgesetzten Stunde. So vermittelt sich der kapitalistische Geist der Gesellschaft dem körperhaften Ich.
Geld symbolisiert das Exkrement. Was übrigens sprachlich nachklingt in so volkstümlichen Wendungen wie der vom Geldscheißer, der uns fehle. Man achte auch einmal darauf, wie bei knauserigen oder profitgierigen Menschen oft deutlich die Neigung zu analbezüglichen scherzen jede andere Anzüglichkeit überwiegt. In dem, was wir leichthin oder nur wie im Spaß sagen, drücken die tieferen Zusammenhänge unseres Wesens sich aus. Ob wir Geld nur schätzen als Mittel zu anderen Zwecken oder ob es als Selbstzweck unser Denken beherrscht, liegt selber nicht mehr in unserer Macht. Es ist davon abhängig, ob die Liebe, die wir in frühesten Jahren erfuhren, uns nur unter bestimmten Bedingungen zukam oder (in einem unpathetischen Sinne:) bedingungs-los. Wir werden so in der Kindheit geprägt zu Grundformen des Verhaltens, an denen sittliche Anstrengungen, Anforderungen an den Willen, der frei sei, später nichts entscheidendes ändern. Sittliche Entscheidungen, wie die Moral sie uns abverlangt uns eben deshalb für möglich hält, rollen auf längst gelegte Geleise ihrer Verwirklichung.
Geld als Selbstzweck setzt den analen Charakter voraus. Der befremdliche Gedanke ist vollends einsichtig nur, wenn man sich klar macht, dass der leibhafte Mensch schließlich alles was für ihn Bedeutung gewinnt, oder einen Wert, zuerst einmal sinnlich erleben muss. Alle Werte, auch die sittlichsten und scheinbar geistigsten, sind leibhaft verankert. Anders wären sie keine Werte. Der Wert des Geldes kann so ursprünglich einem Menschen auch oral über den Mund sich vermitteln: durch die Süßigkeiten, die er, noch Kind, dafür zu kaufen bekommt. Er bezahlt und spendet dann, sowie er Geld gibt, zeitlebens mit Süßem, - jedenfalls nach seinem vitalen Verständnis des Geldes. Für die Liebe zum Geld als solchem aber, für den Geldfetischismus, muss die anale Theorie erklärend eingreifen: weil das Geld nur Selbstzweck werden kann für den, der leibhaft und wortlos den Begriff Geld schon entwickelt hat, noch ehe er das Geld einer Notenbank, das ja immer Mittel zum Zweck ist, zur Hand nimmt. Ende des Zitats.
Was aber sind eigentlich Werte?
Sind es die Geldwerte der Banken und Sparkassen, der Vermögensberater, die liquiden und immobilen Werte, die Sparbücher und Haushalte der Staaten? Die ökonomischen Werte mithin, von denen heutzutage soviel Gewese gemacht wird? Wo bleibt da der Mensch in seiner Kreatürlichkeit? Wir finden bei Arno Plack eine Definition von Wert ( zitiert aus : Das Böse und die Gesellschaft; Seite 185):
"Bios und Ethos sind untrennbar in axiologischer Betrachtung. Da aber Wert alles heißen kann, was unser Verhältnis zum Sein stärkt und befestigt, so bestätigt sich der (holistische; Anm.. K. Jäger) Gedanke der einen Welt . Nur einem cartesianischen Geist, der verschiedene Seinsschichten voneinander abgehoben sieht, zerfällt die leibhafte Existenz des Menschen in den Antagonismus von Trieb und Geist.
Die Einheit der eigentlich aktiven biotischen Triebe (Sexualität, Motorik; Ergänzung v. K. Jäger) lässt sich noch einmal aufzeigen am Leitfaden des Freudschen Begriffes der oralen Regression. Der vermeintliche Rückschritt in die Phase frühester Kindheit, der in Wahrheit zumeist nur ein Steckenbleiben ist, hat nicht bloß eine erotische Seite. Die allgemeine Bewegungsarmut des modernen Europäers und Amerikaners rundet das Bild eines kollektiven Infantilismus. [ ] Der vollkommene Genuss des oral Regredierten ( = Zurückentwickelten ; Anm. v. K. Jäger) aber ist die Verbindung von Sitzen und Trinken mit passivem Schauen und Hören: beim Fernsehen. Es ist schon phylogenetische Regression: Polypen gleich sitzen allabendlich Millionen angewurzelt auf dem Grunde der Nacht. Die Taucherglocke der Television flimmert lustig vor einem jeden. Und er bewegt sich. Aber nur die Fangarme kreisen zur unausgesetzten Versorgung des Mundes.
Weiter führt A. Plack aus, dass die orale Befriedigung bei den Fettsüchtigen eine Ersatzbefriedigung ist. Es liegt nahe zu fragen, so A. Plack weiter, ob die zu ersetzende Triebbefriedigung nicht wieder vor allen die des Sexualtriebes ist.
Die Themen Wert und Geld und vor allem die Rechtschaffenheit des geistigen Arbeiters - verlangen, dass ich wiederum zitiere aus Arno Plack's o. gen. Werk - besser kann man es kaum formulieren:
Zitat Beginn:
Geld als Selbstzweck, jeder Wert an sich überhaupt, ist vermittelt durch eine Nötigung des Leibes in frühester Kindheit. Auf das, was den Kindern Not tut (also: eine Not bewirkt [Anm. v. Jäger]), auf die anerkannt richtige Erziehung stimmen wechselseitig die Erzieher sich ab. So entwickelt sich im Großen ein Ethos, und es tradiert sich (tradiert = es gibt sich selbstständig weiter [Anm. v. Jäger] ), ohne dass die jeweiligen Träger der Tradition selber wüssten, woran sie tragen. Sie sind, noch wo sie die Beherrschung verlieren, treue Arbeiterinnen am Termitenbau der Moral. Die herrschende Ordnung (der Geldanhäufung, der Umweltzerstörung und der Repression [Anm. v. K. Jäger]) zerfiele, wenn ab sofort die Kinder nicht mehr verprügelt würden, nicht mehr angeschrieen und nicht mehr peinlich in ihren vitalen Bedürfnissen (Bewegung und Sexualität [Anm. v. Jäger]) reglementiert. Die verbreitetste Form der Kleinkinddressur prägt täglich neu die Grund-Werte unserer Kultur, indem sie in den kleinen Körpern die ihnen gemäßen typischen Reaktionswege bahnt. So bekommt der leibhafte Mensch das Gerüst seiner sittlichen Überzeugungen, noch ehe er sprechen kann. Das macht diese Überzeugungen dann so beständig: dass sie im Grunde gar keine sind. Es sind Dispositionen des Leibes. Politische oder weltanschauliche Zielsetzungen sind eher noch auswechselbar innerhalb ein und derselben Kultur. [ ] Die sozusagen körpernäheren Affekte werden so leicht nicht geändert. Sie stehen zugleich nahe am Kern unseres Gewissens. [ ]
Da wir alle an unserem Körper schon von klein auf etwa dieselben Reglementierungen spüren, bilden sich in einem jeden von uns auch dieselben sittlichen Wertbegriffe und Ich-Ideale, bei dem einen nur ausgeprägter, beim anderen mehr verschwommen. Sittliche Belehrung durch das Wort schafft nur noch eine Überdertermination des so entwickelten Strebens, dessen Hauptanteil die ungestillten Triebe sind. Als unbestimmte Sehnsucht, als Erlösungsbedürfnis oder auch als Ehrgeiz dringt die vitale Unlust noch in sittlich gefälliger Form ins Bewusstsein. (Von aggressiveren Formen ihrer Äußerung sei hier einmal abgesehen.) Das heißt, das auch das Bewusstsein die Not des Leibes nur noch gebrochen wahrnimmt, eben gebrochen durch die eingeschliffenen Fehl- und Ab- Reaktionen, die die nervöse Grundlage sogenannter sittlicher Entscheidungen bilden. Das bewusste Ich denkt sich selber als frei, sowie es zwanghaft den libidinösen Ansprüchen seines Leibes zuwider handelt. Es glaubt dabei an einen Sieg des Geistes über das Fleisch zu erringen und sieht nicht: kann nicht sehen, das solche Siege nichts sind als die Leistung eines vegetativ fehlgesteuerten Körpers. Das bewusste Ich könnte immerhin solche Fehlsteuerung sich selber zuschreiben, wenn ihm deren leibhafter Charakter unmittelbar gegeben wäre. So aber, da erst tiefenpsychologische Erhellung den vitalen Grund aller Hemmungen in früher Kindheit entdeckt, ist noch das Bewusstsein, das sich ihrer Herr dünkt, von ihnen geprägt. Der Mensch unserer Kultur hat mitsamt der reinen Körperlichkeit seines Daseins auch den körperlichen Ausgang seiner leibfeindlichen Ideale verdrängt. Zitat Ende.
Im Zusammenhang mit der Unterdrückung des Bewegungstriebes und des Sexus beim Menschen steht die Unterdrückung der Spontaneität. Denn Liebe und Begehren äußern sich spontan, nicht auf Bestellung, nicht auf Kommando. Die repressive Gesellschaft unserer Tage beutet den spontanen [chaotisch unberechenbaren (hier finden wir wieder eine Analogie zur Chaosforschung)] Sexualtrieb des Menschen aus, indem man dem Menschen erst seine Sexualität schlecht macht, als unerwünscht oder sündhaft deklariert (Hallo institutionalisierte christliche Religionen!) und lenkt dann diese Triebenergie auf Ersatzbefriedigungen wie Konsum, Konkurrenz, soziales Prestige um. "Sex sells" ist eine alte "Spruchweisheit" der Werbetreibenden.
Welcher Kirchenfürst, welcher Politiker oder welcher Wirtschaftsführer hat jemals für die freie Liebe sich öffentlich engagiert?
Die Liebe, das Begehren jedoch lebt vom Spontanen. Es ist ein Wesenszug der Liebe, spontan zu entstehen: es ist ein Wesenszug der Sexualität, sich spontan zu äußern. Dass selbst in dieser Gesellschaft das Spontane nicht völlig unterdrückt werden kann und wir alle damit zu Robotern würden zeigte sich auch man glaubt es kaum an den Reaktionen der Zuschauer in den Sportstadien bei der letzten Fußball Weltmeisterschaft. In dieser ach so vernünftigen Gesellschaft jubelte man gemeinsam, man schrie auf, man fiel sich um den Hals, man weinte gemeinsam . Wo sonst kann eine Nation mal aus Herzenslust jubeln, aufschreien, aufseufzen?
Die kollektive Entladung gestauter Triebe ist in unserer Gesellschaft fast nur dort möglich, sieht man mal von Revolutionen, Kriegen und Karneval ab. Man schaue und höre sich nur den kollektiven Seufzer, das kollektive Jubeln und Aufschreien, das rhythmische Wogen der Menschenmassen in den Sportstadien einmal unter diesem Gesichtspunkt an: Triebabfuhr, gemeinschaftliches Abreagieren unterdrückter Triebe.
Oder nehmen wir den Karneval in Rio, New Orleans oder Köln oder Bangalore. Auch hier kollektive Triebentladung, aber nicht nur da ist im Rhythmus des Wogens der Massen, des Tanzens die Ordnung, in seiner Unberechenbarkeit des spontanen Ausdrucks des Einzelnen das Chaos.
Auch hier präsentiert sich die untrennbare Einheit von Ordnung und Chaos als konstituierendes Wesen des Seins. Es sind dies nicht die einzigen Formen der Offenbarung dieses Zusammenhang: auch bei Konzerten von Rock, Pop, Reggae Künstlern wird dieser Zusammenhang gelebt. Ganz unbewusst zumeist, genossen aber sicher.
Dies also gehört zur Natur des Menschen. Diese Natur des Menschen, also mit einem Wort: seine Kreatürlichkeit, gefasst in zwei Elementartriebe: Sexus und Bewegung, bei einer Kritik der herrschenden Moral nicht zu berücksichtigen, hieße, so Arno Plack in seinem o. gen. Werk:
Jenseits anthropologischer Gesinnung aber wird jede Wissenschaft vom Menschen zu einem Instrument der herrschenden Ordnung, wenn nicht sogar der jeweils herrschenden Macht.
Die anthropologische Gesinnung kann sich nur ausdrücken in der Akzeptanz der biologischen und soziologischen Bedürfnisse des Menschenwesens: seinen Trieben. Dafür sind die Herrschenden blind, müssen es vielleicht sein, weil sie ansonsten keine Lust mehr am Herrschen hätten oder sie sind selber bereits so deformiert (durch ihre erlittene Erziehung), das sie noch das von ihnen bewirkte Leiden ihrer Mitmenschen als Sieg über diese auffassen. Denn darüber täusche man sich nicht: dem moralisch Deformierten geht es nicht um das Glück seiner Mitmenschen, auch nicht um sein eigenes. Ihm geht es darum, sein Ich über andere zu stellen, indem er zuerst seine eigenen Triebe niederzwingt und dann die der anderen. Damit verbiegt er sich und die anderen als Menschen, wird aber persönlich dem gesellschaftlichen Ethos des Erfolges um jeden Preis gerecht und sichert sich so soziales Prestige, Macht und Einfluß.
Darin gleichen sich Kommunismus und Kapitalismus. Oder hat jemand davon gehört, dass es im Kommunismus sexuelle Freiheit gab?
Wohl kaum. Denn die praktizierte freie Liebe, das Gewährenlassen spontaner Trieb- und Gefühlsregungen, die das spontane Leben des Sexus einschließt, wirft, für das Selbstverständnis des auf Besitzverhältnisse Fixierten, sofort Fragen auf wie:
"Woher weiß ich denn, ob das mein Kind ist?" Oder: "Wer soll das bezahlen?" oder: "Wie ist das dann mit dem Erbrecht?" oder: "Macht dann nicht jeder mit jedem rum?" oder "Gibt's dann nicht das totale Chaos?" Nein, liebe Leserschaft, das totale Chaos gibt es bei nicht unterdrücktem Sexus nicht. Denn jeder Mensch kann und wird sich selbst entscheiden, mit wem er oder sie intime Beziehungen eingeht. Zu den Fragen der Abstammung und des Erbrechtes kann heutzutage ein einfacher Bluttest heran gezogen werden. Ist es aber nicht heute so - und war es nicht schon immer so? - dass ein Mann sich - ohne Test - nicht so sicher sein kann, ob er tatsächlich der Vater des Kindes ist? Spielt das überhaupt eine große Rolle, wenn wir anerkennen, dass jedes Kind unter unserem Schutz steht?
Möglichkeiten der Entwicklung
Es wird auch nicht das Chaos ausbrechen, weil sich Menschen trotz freieren lebens des Sexus immer noch in den naturgesetzlichen Gegebenheiten befinden und weiterhin ihrer Arbeit nachgehen werden. Es gibt in der Geschichte Westeuropas (und auch der der anderen Völker der Welt, z.B. auf den Trobrianden, in Asien, Amerika usw.) auch Epochen und Zivilisationen, in denen es sozial akzeptiert war - auch in der Ehe ! - sich seine SexualpartnerInnen selbst auszusuchen. Z.B. in der Kultur der Kelten, im Englang des 11. Jahrhunderts usw. Im so genannten und zu unrecht übel beleumundeten Mittelalter - das sinnenfroher war als unsere Zeit - heirateten bereits 15, 16 jährige Menschen. Es gab öffentliche Bade- und Spaßhäuser, in denen man sich - durchaus auch sexuell - vergnügen konnte, ohne dafür gleich als krank, pervers, asozial oder patriarchalisch verleumdet zu werden. Diese Vorfahren der Westeuropäer akzeptierten ihre eigene Kreatürlichkeit. Es verband und verbindet Menschen auch mehr als Sexualität: gemeinsame Interessen nämlich. Ein Paar kann sich verbinden durchaus im Bewusstsein, das der Andere nicht sexuelles Eigentum ist, man aber trotzdem gemeinsame Interessen hat.
Viele Ehen werden heutzutage geschieden, weil sich die sexuelle Attraktivität eben mit der Zeit abnutzt. (Ob sie nicht wiederkehren würde, ließe man sich gegenseitig Spielraum, ist erst mal dahin gestellt, aber durchaus denkbar) Die "Abnutzung" der Attraktivität muss sogar sein, denn anders wäre der Fortbestand der Spezies Mensch von der Natur aus nicht zu sichern. Wenn die erste Liebe immer und auf jeden Fall die einzige bliebe, die dem Menschen Sexualität biologisch erlaubt, bzw. ermöglicht, wäre nach einem frühen Tod des Partners lebenslange Einsamkeit und Isolation, Kinderlosigkeit und Freudlosigkeit die Folge.
Wer will das schon? - . Okay, vielleicht fanatisierte, neurotisierte Dogmatiker, aber kein halbwegs Gesunder. Was also ist vor diesem Hintergrund zu tun? Wir können die Kindererziehung konsequent gewaltfrei gestalten. Wir können uns eigener Frustrationen und Ängste bewusst werden. Wir könnten versuchen zu erkennen, wo wir selber in Konkurrenz zu anderen treten, die nicht mit der zu verhandelnden Sache in Verbindung steht, sondern uns "Belohnungen" verschaffen soll, die in der Unterwerfung eines Menschen bestehen, nicht in der richtigen Beurteilung einer Situation oder ontologischer Prozesse. Wir können im politischen Leben die Gesamtheit der menschlichen Bedürfnisse einschließlich seiner biologischen An-Triebe in den Blick nehmen, d.h. des Menschen Kreatürlichkeit; sein Wesen aus Fleisch und Blut und Psyche/Geist, dies allerdings als UNTRENNBAR EINES verkörpert, das holistisch ist.
Überwindung der Repression
Ich zitiere hier noch einmal aus Arno Plack's Buch "Die Gesellschaft und das Böse":
Zitat Anfang:
"Keuschheit, persönlicher Ehrgeiz, Machtstreben, Streben nach Besitz als solchem - das sind Tugenden, die sich sinnvoll zusammenschließen im Geist einer Moral der Aggressivität und der Macht. [...] Was aber hat, so könnte man fragen, eine wissenschaftliche Ethik an ihre Stelle zu setzen? Nichts, müssten wir sagen, wenn erwartet wird, dass wir anstelle dieser problematischen Werte völlig neue Tugenden propagieren. Wissenschaftliche Ethik propagiert keine Werte; sie vertraut darauf, dass die menschliche Natur, wenn sie nur in Ruhe gelassen wird und nicht von klein auf verbogen, aus sich selbst heraus ein Verhalten entwickelt, das dem Individuum wie der Gesellschaft am Besten entspricht. Nur der bereits verbildete Mensch unserer Kultur hätte noch eine besondere Fähigkeit zu entwickeln: die Ansprüche seines Leibes zu vernehmen, sie zu verstehen und ernst zu nehmen. Das bedeutet für einen jeden von uns, dass er lerne, sich möglichst in Einklang zu halten mit den natürlichen Spannungen und Abspannungen seines Körpers - jenseits von Abstinenz und Exzess, Trägheit und Überarbeitung. Das gilt für alle Regungen des vitalen Daseins, für die Sexualität wie für das Essen und Trinken, für Wachen und Schlafen wie für den Bewegungsdrang und nicht zuletzt auch für das Denken, insofern dieses die Tätigkeit eines körperlichen Organs ist. [...] Die übergeordnete Tugend, die nicht auf die Sexualität allein sich bezieht, ist das Wissen um das rechte Maß, also nichts anderes als das, was die Griechen sophrosyne nannten.
Wir bedürfen für ein sittliches Verhältnis zu uns selbst nur eines Gesundheitsgewissens, für unser - moralisches - Verhalten gegenüber Anderen des klaren Bewußtseins, dass auch sie zu leiden vermögen. (Dieses Bewusstsein erwächst aus ursprünglicher Liebe.) Schon ethisch, weil ohne wissenschaftliche Gesinnung nicht denkbar, wäre, - drittens - eine Verantwortung für die Gesellschaft im Ganzen, wenn dabei auf Bedingungen des Miteinanderseins reflektiert würde. Alles andere, was man dazu uns noch nennen mag, ist "Moral" zum Nutzen Dritter, die uns nur unterdrücken wollen."
Zitat Ende.
Menschen binden sich seit alters her freiwillig an andere Menschen, auch ohne Triebunterdrückung; anders hätte es niemals Zivilisation gegeben. Das Glück des Menschenwesens liegt nicht außerhalb seiner selbst, sondern ist in ihm selbst natürlich veranlagt. Es kann dort mit anderen Menschen gefunden werden.
Wir wollen hier nicht den Marxismus diskreditieren, aber ohne die Berücksichtigung der biologischen Verfasstheit des Menschenwesens, seines Sexualtriebes und seines Bewegungstriebes also, - oder die Einbeziehung der Erkenntnisse Sigmund Freuds -, wird auch der Marxismus nicht erfolgreich im Aufbau einer humanen Gesellschaft sein können, da seine Protagonisten auch selbst in einem Klima der Repression aufgewachsen sind, - wie wir alle. Es gilt also, bei einer neuen humanwissenschaftlichen Gesellschaftstheorie beide in den Blick zu nehmen: Marx und Freud.
Wir können auch fragen: warum werden nicht alle Menschen zu Unterdrückern und Triebtätern? Nun, die individuellen Lebensumstände der Menschen sind eben geprägt durch andere, ebenso individuelle Menschen. Wie genau man es in den verschiedenen Lebenssphären, Haushalten und Familien mit der Unterdrückung des Sexualtriebes nimmt, bestimmt eben die weitere Entwicklung der Individuen. Es gibt Eltern, die ihre Kinder nicht zum pünktlichen Stuhlgang auffordern. Es gibt Eltern, die ihre Kinder nicht verprügeln, anschreien oder sonstwie bestrafen. Aus diesen familiären individuellen Umständen entwickeln sich eben auch ebenso individuelle Wesen, die ja schon von Geburt an ihre jeweils individuellen Merkmale und Begabungen "mitbringen". Und - selbstredend - ihre biologische Verfasstheit, ihre Kreatürlichkeit.
Das ändert aber nichts an der Analyse der herrschenden, repressiven Moral in dieser Gesellschaft.
Die natürlichen Triebe des Menschen kann man sich wie einen Fluß vorstellen, dessen Wasser eben fließt und weiter fließt, auch wenn man es staut. Das Wasser wird sich dann dennoch seinen Weg suchen und über die Ufer treten. Triebe sind vergleichbar mit fließendem Wasser, fließender Energie, die ihrem Ziel zustrebt. Diese Energie in unnatürliche Formen zu zwingen, kommt der Verlegung oder dem Stauen eines Flußes, z.B. dem Rhein oder der Elbe gleich, wobei sich an der Bewegungsenergie des Wassers aber nichts ändern wird; und wie zerstörerisch über die Ufer getretene Fluten sein können, ließ und läßt sich beobachten. Wie wohltuend hingegen die vielfältigen Schönheiten eines natürlich gelassenen Flußes sind!
Wir können jetzt auch sagen, was eine Solidarisierung der Menschen erschwert: das repressive Klima der Konkurrenz, das durch die Unterdrückung der elementaren Triebe bewirkt wird. Die Triebenergie wird umgelenkt in Ersatzbefriedigungen: Konsum und Karriere, soziales Prestige. Dabei tritt der Traum vom sozialen Aufstieg der repressiven Moral noch hilfreich zur Seite: "Vom Tellerwäscher zum Millionär", vom Vertreter zum Konzernboss, oder vom Studenten zum reichsten Mann der Erde (Bill Gates, microsoft). Der Traum vom sozialen Aufstieg ist wie die Möhre, die man dem Esel vor die Nase hält, damit er weiterläuft, sie aber äußerst selten erreicht - und unter welchen Mühen und Deformierungen. Von 200 Millionen Amerikanern wurden nur eine Handvoll reich und bekamen politischen Einfluß. Diese Anzahl läßt sich nicht mal in einstelligen Prozentzahlen ausdrücken; ist also auch mathematisch-statistisch keine wirkliche Chance, sein Leben befriedigend zu leben.
Die Frage der Verteilungsgerechtigkeit des erarbeiteten gesellschaftlichen Reichtums und die erweiterte, nämlich die nach den Bedingungen der Mitmenschlichkeit, bzw. des menschlichen Glücks, stellt sich vor dem Hintergrund unserer Untersuchung in einem neuen Licht dar. Sich über die Schwierigkeiten und die Gründe für diese Schwierigkeiten bewußt zu sein, kann helfen, diese Fragen im Interesse der Individuen und der Gesellschaft zu lösen. Denn es gibt im Licht der oben ausgeführten wissenschaftlichen Erkenntnisse eben keinen vitalen Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft.
Eine echte Chance, eine echte Alternative für die Gestaltung humaner Lebensverhältnisse liegt in der Errichtung genossenschaftlich organisierter Lebensgemeinschaften, die sich auch der Kreatürlichkeit des Menschen - insbesondere der Jugend - in liebevoller Akzeptanz zuwenden und im wahrsten Sinne des Wortes Spielräume lassen; in übertragener Bedeutung des Wortes "Spielraum" können wir sagen: die humane, befriedigende Zukunft könnte dort sein, wo es genossenschaftlich organisierte Gesellschaften gibt, die einen sozialen Spiel - Raum dort lassen, wo es die biologische, soziale und individuelle Verfasstheit des Menschen erfordert.
Klaus Jäger, im Juli 2006
Literatur:
John Briggs u. F. David Peat:
Die Entdeckung des Chaos Eine Reise durch die Chaostheorie;
dtv Verlag; München; 1993
Arno Plack:
Die Gesellschaft und das Böse
Fischer Taschenbuch Verlag, Ffm.; Neuauflage 1991;
Sigmund Freud:
"Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und verwandte Schriften"
Fischer Taschenbuch Verlag; Ffm; Auflage 1977